Der Anfang

Die meisten Teilnehmer der ersten Runde waren noch keine vier Wochen in Deutschland und zu diesem  Zeitpunkt noch nicht registriert. Daraus ergaben sich geradezu abenteuerliche Schwierigkeiten, aber auch Chancen. Was erstere betrifft, so halfen eine Vielzahl von Rostocker Bürgern aber auch engagierte Vertreter der Landes- und Stadtverwaltung, die Situation zu meistern. Die große Chance war, die jungen Leute so frühzeitig in den umfassenden Integrationsprozess eingebunden zu haben, dass Unsicherheit, Frust und die Umstände in den Sammelunterkünften aufgefangen bzw. kompensiert werden konnten.

Von großer Bedeutung war und ist, die Projektteilnehmer mit eigenen Zimmern zu versehen.  In den Sammelunterkünften sind ein konzentriertes Lernen und selbst das Einhalten eines normalen Tages-/Nachtrhythmus nicht möglich. Ermöglicht wurde dies insbesondere durch die Unterstützung der WIRO, in deren Jugend- und Studentenheime zahlreiche Gruppenmitglieder untergebracht sind. Die für junge Leute übliche Unterbringungsform in einer WG scheitert meist an der Präferenz der Eigentümer, keine Personen als Mieter zu akzeptieren, deren Mietzahlungen vom Jobcenter kommen. Sobald sie studieren, besteht die Schwierigkeit bei der Suche eines WG-Zimmers darin, Bürgen für die Mietzahlungen zu finden. Anfang 2017 wohnen nur drei Projektteilnehmer in einer Studenten-WG; für sie bürgen Freunde.  

Gesundheit

Die Projektteilnehmer sind jung und daher meist gesund. Viele stehen aber unter hohem Leistungsdruck und wegen der Sorge um ihre Familien auch unter psychischen Druck. Zudem zeigte sich mit dem Voranschreiten des Projektes, dass einige Flüchtlinge traumatische Erlebnisse hatten, von denen man nur langsam Kenntnis erlangt und für deren Therapierung keine Fachkräfte, vorhanden sind, erst recht nicht solche, denen der kulturelle Hintergrund der Flüchtlinge vertraut sein sollte. Fatal kann in dieser Situation sein, dass Hausärzte - auch ohne Diagnose - Psychopharmaka verschreiben (dürfen). Eine Möglichkeit wäre vielleicht, einen Teil der syrischen Ärzte, die es in Rostock zahlreich gibt, als Traumatherapeuten auszubilden.

Status der Teilnehmer

Die Teilnehmer des Projektes erhalten den Status als Gasthörer/in der Universität Rostock,  Zugang zu den Arbeitsplätzen der Universitätsbibliothek, zu den (nicht intensiven) Sprachkursen des universitären Sprachenzentrums sowie einen Platz in einem akademischen Intensivkurs Deutsch.  Auch verfügt das Projekt über zwei mit PCs ausgestattete Arbeitsräume in der Fakultät. Auch das Sportangebot der Universität wurde (nicht ohne Schwierigkeiten) für die Gasthörer geöffnet.

Studium

Die Aufnahme eines Studiums in Deutschland ist für Syrer mit großen Hürden verbunden. Die komplizierten Bewerbungsvorgänge sind schwer zu durchdringen, sie sind mit hohen Kosten verbunden und dauern wegen der Umstände sehr lang. Gemessen an der  zunächst für drei Jahre erteilten Aufenthaltsgenehmigung dauern sie zu lang, da sie keine Perspektive eröffnen, in diesem Zeitraum eine sinnvolle Aktivität zu entfalten.

Das deutsche Bildungssystem kennt eine für Syrer fremde Vielfalt. Neu sind für sie die große Fächervielfalt im akademischen Bereich aber auch die Berufsausbildung und deren hoher Stellenwert in Deutschland. Wollten zu Beginn alle Projektteilnehmer unbedingt studieren, haben sich später einige für eine meist technische Ausbildungen entschlossen. Auch das gesellschaftliche Ranking der Fächergruppen und Studienrichtungen innerhalb eines Faches unterscheidet sich zum Teil stark von deutschen Verhältnissen. So gehören medizinische Fächer in  Syrien noch viel mehr zu den Königsdisziplinen als in Deutschland; würden alle Studieninteressierten einen Studienplatz finden, gäbe es in Deutschland in einigen Jahren keinen Ärztemangel mehr. Ein geisteswissenschaftliches Abitur gilt hingegen als minderwertig und unter den Ingenieurwissenschaften ist das Bauingenieurwesen am begehrtesten - künftig vermutlich noch weit mehr als bisher.

Mit zunehmender Dauer des Krieges in Syrien kommen auch junge Flüchtlinge mit   unkonventionellen Bildungsbiografien ins Land, beispielsweise mit Abschlüssen von oder dem Nachweis einiger Schuljahre an Auslandsschulen für Syrer in der Türkei oder in Libyen. Die Anerkennung dieser Abschlüsse als Hochschulzugangsberechtigung ist schwierig und selbst der Weg über ein Studienkolleg kann versperrt sein.  Ein Ausweg ist dann, das Abitur im Abendgymnasium nachzuholen, allerdings dauert dies einige Jahre.

Bewerbung um einen Studienplatz

Die Bewerbungsvorgänge für Ausländer waren bis Ende 2016  nicht auf Flüchtlinge aus Kriegsgebieten zugeschnitten, sondern auf den regulären internationalen Studierendenaustausch zwischen meist friedlichen Ländern. Das merkt man beispielsweise daran,  dass für die Beglaubigung von Dokumenten auch 2017 an einigen Unis noch deutsche Botschaften und Konsulate im Heimatland empfohlen werden, die es in Kriegsgebieten natürlich nicht mehr gibt. Auch der Umgang mit fehlenden Dokumenten entsprechend dem Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 3.12.2015 gestaltet sich in der Praxis oft schwierig.

Die Formalitäten sind zudem so kompliziert, dass selbst Einser-Abiturienten mit guten Sprachkenntnissen nicht durchsteigen. Die Bewerbungsfristen können, gerade für Ausländer, von Uni zu Uni und selbst von Fach zu Fach variieren. Für das Wintersemester 2016/17 war für Ausländer an einigen Unis bereits im März oder April Schluss, an anderen öffnen die Bewerbungsportale erst im Mai und schließen, wie für Deutsche, erst am 15. Juli. Ausländer müssen sich meist über uni-assist bewerben, aber eben nicht immer. Die für sie hohen Kosten (75 Euro für jede erste Bewerbung und 15 Euro für jede weitere) werden inzwischen erlassen, falls ein Beratungsscheine durch die Akademischen Auslandsämter ausgestellt und ein Antrag zum Absehen von Bewerbungsgebühren gestellt wird. Die Forderung von immer mehr Universitäten, TestAS Zertifikate vorzulegen, verzögert den Bewerbungsprozess ebenfalls, da man diesen Test nicht immer und überall ablegen kann.

Im medizinisch-pharmazeutischen Bereich erfolgt die Anerkennung erbrachter Studienleistungen zentral und dauert Monate. Ferner sind unbedingt beglaubigte Kopien der Originaldokumente in deutscher Übersetzung durch einen in Deutschland vereidigten Übersetzer vorzulegen. Die Originale wurden jedoch wegen des Fluchtweges über das Meer in aller Regel nicht mitgebracht. Ihre nachträgliche Beschaffung  über Postdienste ist kompliziert, teuer, zeitaufwändig und nicht in allen Fällen möglich, da es in Syrien nur wenige Annahmestellen und viele Sperrgebiete gibt; aus der Region um Aleppo, beispielsweise, ist sie praktisch nicht möglich.

Für die anderen Studiengänge werden an vielen Unis ebenfalls in Deutschland gefertigte Übersetzungen ins Deutsche verlangt, während man an einigen wenigen auch Übersetzungen ins Deutsche oder Englische durch vereidigte Übersetzer aus Syrien akzeptiert. Im ersten Fall entstehen zum Teil hohe Übersetzerkosten, das gilt insbesondere für bereits fortgeschrittene Studierende, die über eine Vielzahl von Dokumenten verfügen. Zudem ist die Zahl vereidigter Übersetzer aus dem Arabischen in Deutschland gering, so dass auch hier lange Wartezeiten entstehen.  Übersetzungskosten werden, wenn überhaupt, erst nach Wechsel der Zuständigkeit vom Sozialamt zum Jobcenter von letzterem übernommen, wobei der Wechsel häufig erst ein Jahr nach der Registrierung als Flüchtling geschieht. Dieser Wechsel vom Sozialamt zum Jobcenter markiert auch den Zeitpunkt, ab dem man theoretisch einen Integrationskurs erhält, der bis zum Sprachniveau B1 führt. Bis man dann tatsächlich in einen Integrationskurs aufgenommen wird, können allerdings weitere Monate vergehen. Für einen B2 und C1 Kurs übernimmt das Jobcenter die Kosten nicht. Daher sind Initiativen wie dieses Projekt für die akademische Integration unerlässlich.

Für alle Bewerbungsvorgänge sind amtlich beglaubigte Dokumente einzureichen. Die entsprechenden Stellen in den Rathäusern sind jedoch überlastet und viele weigern sich, fremdsprachliche Dokumente zu beglaubigen. Die Beglaubigungen anderer Stellen aber, die freundlicherweise einspringen (etwa Kirchen), werden nicht an allen Universitäten akzeptiert. Ein Ausweg wären Sammelbeglaubigungen durch Notare. Auch sie sind allerdings teuer und für Bewerbungen über online-Portale wenig hilfreich, weil die Dokumente an passender Stelle einzeln hochgeladen werden müssen.

Finanzierung der Bewerbung und des Studiums

Der Bewerbungsprozess setzt die Verfügbarkeit einer entsprechenden Infrastruktur voraus: PC, Drucker, Kopierer, Scanner, rasche Internetverbindung; im Grunde verlangt er den Zugang zu einem gut ausgestatteten Büro samt Sekretariatskapazität. Er ist ferner mit Kosten für Übersetzungen, Beglaubigungen, Anerkennungen von im Ausland erbrachten Studienleistungen, für den Service der Bewerbungsportale, für Büromaterial und Porto verbunden. Selbst wenn den Flüchtlingen in manchen Fällen die entsprechenden Kosten gegen Beleg zurückerstattet werden, etwa wenn sie in die Förderung der Otto-Benecke-Stiftung aufgenommen wurden, so sind sie meist nicht in der Lage, diese Mittel vorzustrecken. Kostenlose Überziehungskredite von 500 Euro könnten da bereits hilfreich sein. 

Seit Januar 2016 können syrische Flüchtlinge BAföG erhalten, was eine große Erleichterung ist. Allerdings kann die Bearbeitungszeit lang sein, so dass es eine Herausforderung für unser Projekt darstellt, eine Übergangsfinanzierung zu finden, denn mit der Immatrikulation endet die Unterstützung durch das Jobcenter und Ersparnisse haben die Flüchtlinge keine. Von großer Bedeutung ist auch, dass sich Flüchtlinge an einigen Universitäten um das Deutschlandstipendium bewerben können, was erfreulicherweise auch gut sichtbar angekündigt wird.  Auch politische Stiftungen öffnen sich zunehmend für Flüchtlinge, allerdings war bisher noch keine Bewerbung unserer Projektteilnehmer erfolgreich. Zentrale Informationen über die Unterstützungen syrischer Flüchtlinge durch Stiftungen und die Bedingungen hierfür gibt es bislang keine.